Sitzung der AG Zivilgesellschaft beim 15. Petersburger Dialog in St. Petersburg, 15. Juli 2016

Die Sitzung begann zunächst mit einem Austausch zu aktuellen Themen, welche die Zivilgesellschaften Deutschlands und Russlands derzeit beschäftigen: Die deutsche Seite legte den Stand der Diskussionen zum Thema Flüchtlinge dar; auch das Erstarken rechtspopulistischer politischer Kräfte wurde thematisiert. Die russische Seite berichtete über die anhaltenden Beschränkungen der Arbeit der Zivilgesellschaft insbesondere durch das Gesetz über „ausländische Agenten“.

Der Großteil der Sitzung war dem Hauptthema „Der Umgang mit dem Erbe von Krieg und totalitärer Vergangenheit in Deutschland und Russland – neue Impulse und Projekte“ gewidmet. Im Mittelpunkt stand insbesondere die Vermittlung der Erinnerung an jene Generationen, die Krieg und die totalitäre Erfahrung nur noch aus der Geschichte kennen – nun, da die Zeit nach den Zeitzeugen anbricht.

In den Impulsreferaten und anschließenden Diskussionen wurde deutlich, dass historisches Erinnern kein Selbstzweck sei und nicht automatisch zu Verständigung bzw. Versöhnung führe, denn es gehe nicht nur um das Erinnern an selbst erfahrenes, sondern auch Anderen angetanes Leid. Häufig würden durch Geschichtsaufarbeitung Legenden und Mythen zerstört. Entscheidend sei eine humanisierende Erinnerungskultur jenseits ideologischer Fixierungen und Instrumentalisierung von Geschichte. Verbrechen dürften nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Geschichte müsse immer im Kontext erzählt werden.

Am Ende der Diskussion stand als Schlussfolgerung vor allem die Notwendigkeit, Geschichte auf noch nicht aufgearbeitete Themen hin zu untersuchen und auch vergessene Opfergruppen aus der Vergessenheit zu holen. Einigkeit bestand darüber, dass nach gemeinsamen Brücken der Erinnerung zwischen Deutschen und Russen zu suchen sei und den Zivilgesellschaften beider Länder eine bedeutsame Rolle dabei zukomme. Auch Einbeziehung weiterer Partner etwa aus dem Baltikum könnte in tri- und multilateralen Projekten dazu beitragen, verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen.

Als konkrete Beispiele für den heutigen Umgang mit dem Erbe von Krieg und Totalitarismus präsentierten Vertreter der deutschen Seite Initiativen wie „Rückgabe der Namen“, ein Projekt für die Rehabilitierung der sowjetischen und deutschen Kriegsgefangenen vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge oder die Arbeit des Deutsch-Russischen Museums Karlshorst. Auch regionale Formen der Erinnerungskultur, wie etwa die „Stolpersteine“ in Westfalen wurden vorgestellt. Dabei wurden auch verschiedene Erfahrungen des Zusammenwirkens von Staat und Gesellschaft bei der Bewahrung der Geschichtserinnerung diskutiert. Die russische Seite stellte seitens des Staatlichen Gulag-Museums Projekte zur Wahrung des Gedenkens an die Opfer politischer Repression vor. Beispiele für gemeinsame russisch-deutsche Projekte präsentierten Memorial ebenso wie die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ), die in Kooperation mit der privaten Hochschule Voronezh Institute of High Technologies ein deutsch-russisches Bildungsprojekt „Lernen mit Interviews: Zwangsarbeit 1939 – 1945“ verwirklicht hat.