Sitzung der AG Kultur beim 2. Petersburger Dialog, Weimar, 8. – 10. April 2002

Die Sitzung der Arbeitsgruppe Kultur beim 2. Petersburger Dialog in Weimar stand unter dem Dachthema „Kultur und russische Kulturtage„.

Die Arbeitsgruppe Kultur ist sich einig in der Überzeugung, dass gerade in weltpolitisch schwierigen Zeiten die Bedeutung kultureller Beziehungen nicht geringer wird. Denn „Kultur“ bezeichnet den Bereich, in dem die Werte des Zusammenlebens, welche die Politik zu schützen unternimmt, immer wieder neu geschaffen, definiert und überprüft werden. Kultur ist der Bereich der kreativen Phantasie, auf die auch die politische Vernunft in keinem Augenblick verzichten kann.

In diesem Selbstbewusstsein ist die Gruppe der Aufforderung ihres Mitkoordinators Michail Borisowitsch Piotrowskij gefolgt und hat sich auf eine ungewöhnlich offene, die Bedenken der „politischen Korrektheit“ zurückstellende Diskussion auch der kontroversen Fragen der russisch-deutschen Kulturbeziehungen eingelassen. Insbesondere die Erörterung der schwierigen kulturellen, politischen und juristischen Fragen der „Beutekunst“ hat von dem in diesem Kreis allmählich sich einstellenden Klima gegenseitigen Vertrauens sehr profitiert.

Aus diesem Geist heraus hat auch die Arbeitsgruppe im Verlauf ihrer konzentrierten Erörterung bemerkt, dass die Rede vom „Kulturaustausch“ der Qualität und Intensität der russisch-deutschen Kulturbeziehungen – sowohl in der Vergangenheit wie in der Gegenwart – nicht gerecht wird. Zwischen Russen und Deutschen hat, durch die Nähe und Dichte ihrer Beziehungen befördert, nicht ein Verhältnis kulturellen Warentauschs, sondern vielmehr eines der wechselseitigen Inspiration geherrscht.

Die Arbeitsgruppe hat sich zunächst um eine konkrete Sichtung derjenigen Projekte, Ausstellungsvorhaben usw. bemüht, die sich in einem bereits fortgeschrittenen Zustand der Planung oder Realisierung befinden. Ihr besonderes Augenmerk lag auf Projekten, die den Rahmen der deutsch-russischen Kulturtage der Jahre 2003 und 2004 auszufüllen bestimmt sind – gehen doch diese Kulturtage auf eine Anregung der Arbeitsgruppe Kultur aus dem ersten Jahr des „Petersburger Dialogs“ zurück.

Als größtes Einzelprojekt ragt hier die Ausstellung „Moskau-Berlin 1950 – 2000“ heraus, die im Jahr 2003 im Martin-Gropius-Bau in Berlin und im Jahr darauf in Moskau (voraussichtlich Tretjakow-Galerie) gezeigt werden wird. Die Ausstellung soll die historische Tiefe und Komplexität der wechselseitigen Kulturbeziehungen sichtbar machen und zugleich bis in unsere unmittelbare Gegenwart führen. Begleitet werden soll sie in Berlin (und in der Trägerschaft der Berliner Festspiele) von Programmen neuer russischer Musik und des Theaters sowie des jungen russischen Films – letzteres nicht nur, aber auch im Rahmen der Berlinale. Von November 2003 an werden in Moskau im Rahmen der „Dezemberabende“ die „Seiten des Dialogs: Malerei und Musik im 19. Jahrhundert“ zu sehen und zu hören sein.

Im Hinblick auf das 300jährige Stadtjubiläum von St. Petersburg im nächsten Jahr planen das Russische Zentrum für internationale Zusammenarbeit und das Russische Haus Berlin in Verbindung mit dem Goethe-Institut eine Reihe eigener Veranstaltungen, u. a. Präsentationen von Archivmaterial und eine Ausstellung „Petersburg – Fenster nach Russland“. Die Petersburger Eremitage bereitet gemeinsam mit der Preußischen Stiftung Schlösser und Gärten die Ausstellung „Berlin – St. Petersburg“ vor, eine große Ausstellung über russisch-deutsche Kunst- und Kulturbeziehungen im 19. Jahrhundert. Bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist – ebenfalls zum St. Petersburger Stadtjubiläum – eine Ausstellung „Das imperiale St. Petersburg“ (in Großmodellen der Architektur) in Vorbereitung.

Ohne den Anspruch auf vollständige Wiedergabe aller Vorhaben für die kommenden zwei Jahre, die in der Arbeitsgruppe besprochen wurden, zu hegen, sei noch eine für 2004 geplante Ausstellung des deutsch-russischen Museums in Karlshorst genannt. Sie wird deutsche Russlandbilder seit dem 18. Jahrhundert zeigen und sollte noch einen Partner auf russischer Seite finden, der entsprechende russische Deutschlandbilder präsentieren könnte. Die Stiftung Weimarer Klassik wird 2004 an die russische Zarentochter und Weimarer Großherzogin Maria Pawlowna erinnern, die wesentlichen Anteil an der Entwicklung Weimars zum kulturellen Identitätsort der Deutschen hat. Erwähnt sei schließlich, dass der Länderschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse 2003 ebenfalls Russland gewidmet sein wird.

Die Arbeitsgruppe ist sich darüber im klaren, dass die in diesen Vorhaben implizierte Konzentration auf die Metropolen unumgänglich ist im Sinne einer Initialzündung. In einem zweiten Schritt muss es jedoch gelingen, kulturell in die Fläche der beiden Länder zu gehen; dazu sind Städtepartnerschaften und die Beteiligung von NGOs notwendig. Als Beispiel mögen hier die zahlreichen regionalen und lokalen Programmaktivitäten des Bundesverbandes Deutscher West-Ost-Gesellschaften e. V. für die Jahre 2003 und 2004 genannt sein.

Keinen Zweifel ließen die Mitglieder der Arbeitsgruppe an der Notwendigkeit, die Fülle von Angeboten, die tatsächlich schon jetzt gemacht werden, immer wieder zu fokussieren und sichtbar zu machen. Das kann und soll auf zweierlei Art und Weise geschehen, performativ und organisatorisch-strukturell. Performativ durch die Einrichtung von Kulturwochen, die Ereignischarakter haben und den russisch-deutschen Kulturbeziehungen die gebührende Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit – und der Politik! – verschaffen. Organisatorisch durch die Einrichtung eines „Evidenzzentrums“ oder einer Informationsbörse in Gestalt einer Internetseite, die sämtliche Aktivitäten, Planungen und Akteure im binationalen kulturellen Bereich verzeichnet und transparent macht. Hier kann z. B. gesammelt und mitgeteilt werden, welche Übersetzungen russischer Literatur ins Deutsche und umgekehrt bei den jeweiligen Verlagen bereits in Arbeit sind. Darüber hinaus sollte das Internet stärker im Sinne eines Kulturportals zwischen Russen und Deutschen genutzt werden.

Vier Komplexe müssen noch genannt werden, denen die Arbeitsgruppe besonderes Gewicht beimaß.

Dazu gehört, erstens, die bereits erwähnte Frage der „Beutekunst“. Das leuchtende und von allen Teilnehmern als besonders glücklich empfundene Beispiel der Glasfenster der Marienkirche in Frankfurt/Oder zeigt, dass der Weg der kleinen, gemeinsam unternommenen Schritte – durch konkrete Verhandlung über einzelne Werke, Zusammenarbeit bei der Restauration und Präsentation – gangbar ist und vielleicht irgendwann, gewachsenes Vertrauen und positive Erfahrungen vorausgesetzt, auch größere Schritte erlauben wird. Bis dahin bleibt es unabdingbar, dass beide Seiten sich um ein vertieftes Verständnis der Positionen, aber auch der Hoffnungen und Erwartungen der jeweils anderen bemühen – und sich so offen auch über gegensätzliche Sichtweisen aussprechen, wie dies in den Sitzungen dieses Kreises gestern und heute der Fall war.

Ein zweites, als wichtig erkanntes Thema der Erörterung war die Tatsache der Migration als kulturelles und die Auffassung von Kulturtransfers veränderndes Phänomen. Dies gilt sowohl für die Wahrnehmung und Dokumentation der freiwilligen und erzwungenen Migrationen der Vergangenheit wie der Wanderungsbewegungen der Gegenwart. Die Tatsache, dass russische Migranten heute rund um den Globus anzutreffen sind, bringt in die Auffassungen davon, wie Kultur vermittelt und übertragen wird, eine neue, zusätzliche Normalität. Ihr müssen auch die Initiativen, zu denen der „Petersburger Dialog“ Anstoß geben will, Rechnung tragen.

Ebenfalls in Rechnung zu stellen ist, drittens, der Generationenwandel, der auch zu einer Veränderung des Interessenprofils, Kultur und Geschichte betreffend, führt. Die Alten, so kann man sagen, hatten ihre Geschichte – was aber haben die Jungen? Die Arbeitsgruppe hält es für dringend geboten, sich um neue Formen der Erkundung und der Vermittlung an die junge Generation zu bemühen.

Als notwendig sieht es, dies der vierte Punkt, die Arbeitsgruppe an, die besagten Initiativen zu verstetigen und nicht ausschließlich der Dynamik der „events“ zu überlassen. Vor allem Vorhaben wie der Austausch von Autoren, Regisseuren, Dramaturgen, Musikern und Koproduktionen im Bereich des Theaters bedürfen der Unterstützung und nachhaltigen Stabilisierung durch längerfristig planende Institutionen. Ohne gesicherte Laufzeiten von bis zu drei Jahren lassen sich solche Projekte nicht realisieren.

Zwar ist sich die Arbeitsgruppe einig in der Einsicht, dass hierzu keine neuen institutionellen Strukturen geschaffen, sondern bereits vorhandene Verbände und Institutionen genutzt werden sollen. Dennoch erscheint es geboten, die Einrichtung eines zentralen Focus, wie er mit der bereits angesprochenen „Russischen Akademie“ in Berlin schon einmal im Gespräch war, mit Nachdruck voranzutreiben. Die Arbeitsgruppe spricht sich hierfür einmütig aus und plädiert für die Unterstützung durch Politik, Medien und Wirtschaft.

Dasselbe gilt für die Vermittlung von Kunstgeschichte in beiden Ländern (und zwar in europäischer Perspektive), die sich durch die Einrichtung gemeinsamer Forschungsinstitute in beiden Ländern eine beträchtliche Förderung verspricht. Für die Quellensicherung der russischen kulturellen Überlieferung wird nachdrücklich die bereits im Konzept vorbereitete Gründung des Zentrums für Bucherhaltung in Moskau befürwortet und um Unterstützung durch Politik und Wirtschaft geworben.

Koordinatoren
Prof. Dr. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident, Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Prof. Dr. Hellmut Seemann, Präsident, Stiftung Weimarer Klassik
Prof. Dr. Michail B. Piotrowski, Direktor, Staatliche Eremitage St.Petersburg
Berichterstatter: Dr. Ulrich Raulff, Chefredakteur des Feuilletons, Süddeutsche Zeitung