Sitzung der AG Bildung und Wissenschaft beim 18. Petersburger Dialog, Bonn/Königswinter, 19. Juli 2019

Ergebnisbericht der Arbeitsgruppe Bildung und Wissenschaft. „Netzwerkpartnerschaften wissenschaftlicher, gesellschaftlicher und beruflicher Gemeinschaften Russlands und Deutschlands

Koordinatoren:

Prof. Dr. Wilfried Bergmann, Mitglied des Senats, Europäische Akademie der Wissenschaften und Künste
Prof. Dr. Igor Maximzew, Rektor, Staatliche Universität für Wirtschaft und Finanzen St. Petersburg

Vorbemerkung:

Mit dem Thema der Sitzung der Arbeitsgruppe – „Netzwerkpartnerschaften wissenschaftlicher, gesellschaftlicher und beruflicher Gemeinschaften Russlands und Deutschlands“ wurde einer der Mechanismen zur Umsetzung des vierten Teilgebiets „Innovationen, Wissenschaft und Gesellschaft“ der Deutsch-Russischen Roadmap für die Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft, Forschung und Innovation gewählt, die am 10. Dezember 2018 zwischen dem Ministerium für Forschung und höhere Bildung der Russischen Föderation und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet wurde.


Themen der AG:

1 – Rechtszusammenarbeit
2 – Deutsch-Russisches Wissenschaftsjahr
3 – Online-Education und Praxisbezug der Ausbildung
4 – Digitalisierung und Künstliche Intelligenz
5 – Kant-Jubiläum
6 – Durchführung eines Migrationsforums
7 – Zusammenstellung des Teilnehmerkreises der AG „Bildung und Wissenschaft“

  1. Rechtszusammenarbeit

In die über 25-jährige deutsch-russische Zusammenarbeit zu Rechtsfragen durch Beratung der Rechtssetzungsorgane in Russland, Konferenzen, Fachtagungen, Erfahrungsaustausche und Herausgabe von Übersetzungen von Texten der Gesetzgebung wurden inzwischen auch die Bereiche Mediation und Arbitrage einbezogen. Vorgesehen ist, jetzt auf das Strafrecht und dessen Umsetzung sowie den gegenseitigen Austausch von Dozenten und Doktoranden verstärkt einzubeziehen. In der Juristenaus- und -weiterbildung sollte wesentlicher tiefer auf die praktische Kommunikation zwischen Juristen und die praktische Arbeit an Schriftsätzen und die Verfahrensregeln eingegangen werden. Besonders gefördert werden sollte das partnerschaftliche Zusammenwirken zukünftiger und junger Juristen mit Praktikern der Rechtsprechung und mit Unternehmen über Projekte mit starkem Anwendungsbezug. Die in der AG vertretenen Einrichtungen wollen sich in Zukunft auf gemeinsame Anstrengungen in den Richtungen Rechtsethik, Schutz des geistigen Eigentums, Patent- und Warenzeichenrecht, Digitalisierung, Rechtsvollstreckung sowie kommunales und Sozialrecht orientieren.

Begrüßt wurde die gute Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung für Internationale Rechtliche Zusammenarbeit (IRZ) sowie dem Institut für Staat und Recht der Russischen Akademie der Wissenschaften in dem Bereich!

  1. Deutsch-Russisches Wissenschaftsjahr

Die Zusammenarbeit wird sich mit dem Deutsch-Russischen Themenjahr Hochschulkooperation und Wissenschaft 2018–2020, das am 6. 12. 2018 von den Außenministern ausgerufen wurde, beschäftigen. Die Umsetzung der Deutsch-Russischen Roadmap für die Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft, Forschung und Innovation 2018–2028, die am 10. 12. 2018 von den Forschungsministern beider Staaten unterschrieben, soll durch Veranstaltungen unterstützt werden.

Mit dem Themenjahr soll die Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen Hochschulen, Wissenschaftsakteuren und Unternehmen ausgebaut und transparenter gemacht und der grenzüberschreitende Austausch von Studierenden, Forschern und Lehrpersonal angekurbelt werden.

Erstmalig wurde mit der Roadmap eine zehnjährige Strategie über die Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft, Forschung und Innovation gemeinsam erarbeitet, die federführend vom DAAD mitgestaltet wurde. Die aktiven 1.000 deutschen und russischen Wissenschafts-, Forschungs- und zivilgesellschaftlichen Organisationen werden gemeinsam mit den Förder- und Mittlerorganisationen sowie Unternehmen die Spitzenforschung ebenso wie die Nachwuchsförderung in beiden Ländern stärken. Schwerpunkte sind die Unterstützung und Schaffung großer Forschungsinfrastrukturen, gemeinsame Forschungsprojekte in priorisierten Bereichen, Förderung des Wissenschaftlernachwuchses im Hochschul- und Berufsbildungsbereich und der Brückenschlag zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft. Einen Betrag dazu wird das am 15.04.2019 in St. Petersburg geründete Russisch-Deutsche Netzwerk zur Förderung der Zusammenarbeit von Forschungs-, Berufs- und Wirtschaftsgemeinschaften für Technologietransfer und Kommerzialisierung – vor allem mit kleinen und mittleren Unternehmen – leisten.

Seitens der Wirtschaftsuniversität St. Petersburg und deutscher Einrichtungen wurde ein entsprechendes Kooperationsabkommen bereits geschossen.

  1. Online-Education und Praxisbezug der Ausbildung

Es wurde konstatiert, dass in den deutschen und russischen Gesellschaften Bedarf besteht an umfassenderen und aktuelleren Informationen zu den Chancen und Risiken der Digitalisierung und Automatisierung von Gesellschaft, Wirtschaft und Bildung. Dabei sind der Übergang von Papierlehrbüchern zur digitalen Lernumgebung und die Schaffung von Trainingssystemen mit Künstlicher Intelligenz voranzutreiben.

Der digitale Informationsraum ist der stärkste Faktor für die Sozialisierung und Erziehung eines Kindes – aber heute ohne digitale Ethik und Moral. Dabei kommt es zu einer beschleunigten Verfestigung des asozialen Verhaltens von Kindern und Jugendlichen: Cybermobbing, psychische Anorexie, Selbstmord, Konsum von Psychopharmaka usw. – ohne wirksame Präventions- und Rehabilitationsprogramme.

Die Grundprobleme der Erziehung, der Ausbildung, der Bildungstechnologien und -politik müssen intensiver und gemeinsam untersucht und durch Forschung auf den Gebieten Psychologie und Pädagogik begleitet werden. Die deutsch-russische Zusammenarbeit sollte sich noch mehr an Austausch- und Qualifizierungsprogrammen für Schüler, Studenten, Erzieher, Lehrer, Dozenten und Arbeitgeber bis hin zur interkulturellen Kommunikation und an der Praxis orientieren.

Begrüßt wurde, dass die Steinbeis-Universität in dem Bereich erste Projekte mit der Wirtschaftsuniversität St. Petersburg, der Akademie für Volkswirtschaft und Staatsverwaltung beim Russischen Präsidenten sowie Hochschulen in Jekatrinburg und Krasnojarsk auf den Weg gebracht hat.

  1. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz

Zum Thema der gesellschaftlichen Bezüge der Digitalisierung und der Künstliche Intelligenz wird im September / Oktober 2019 eine Unterarbeitsgruppe der AG Bildung und Wissenschaft tagen und gemeinsame Ziele formulieren. Diese sollen in ein Thesenpapier einmünden, das während des Gaidar-Forums 2020 in Moskau vorgestellt und diskutiert werden soll. Vorgesehen sind dazu Treffen in Sotschi und Stuttgart. Interessierte Mitglieder der AG sollen dies bitte den Koordinatoren mitteilen.

  1. Kant-Jubiläum 2024

Die 2017 gegründete Academia Kantiana der Immanuel-Kant-Universität in Kaliningrad zielt auf eine systematische Erforschung der Wechselwirkung zwischen russischen und westlichen philosophischen Traditionen ab. Kants Ideen und ihre Rezeption in Russland, die Geschichte des russischen Neokantianismus und sein Einfluss auf das europäische Denken, das Aufklärungsprojekt und seine Wiederbelebung im 21. Jahrhundert sind die Kernthemen des Forschungsprogramms der Akademie. Gemeinsam mit der Gesellschaft der Freunde Kants und Königsbergs e. V. bereitet sie mit vielen Partnern und Kant-Vereinen das Immanuel-Kant-Jahr 2024 anlässlich seines 300. Geburtstags vor. Herausgegeben wurden und werden Sammlungen und Übersetzungen von Kant-Schriften und Biografien von Zeitzeugen. Sommerschulen, die 12. Kant-Lesung und Symposien werden den am 02.04.2020 beginnenden Kant-Kongress und die Kant-Wochen in Kaliningrad vorbereiten.

  1. Durchführung eines Migrationsforums

Am 16./17. Juli 2019 fand im Rahmen der Sitzung der Untergruppe Migration Taskforce der AG Bildung und Wissenschaft in Bonn ein Seminar zum Thema „Migrationsprozesse in den 2020er Jahren: Erwartungen, Probleme, mögliche Lösungen“ veranstaltet, an dem Vertreter aus akademischen und Regierungskreisen teilnahmen.

Die intensive Diskussion zum Zustand der Migrationspolitik, kurzfristigen und mittelfristen Migrations-trends zeigte die große Aktualität der Organisation eines größeren und intensiveren Meinungs- und Erfahrungsaustauschs unserer Länder zur Lösung der Aufgaben im Bereich der Migration. Die Teilnehmer des Seminars sollen einen Entwurf zur Durchführung eins internationalen Forums zu Migrationsfragen entwickeln und mit dem Sekretariat des Petersburger Dialogs die Möglichkeit einer Finanzierung prüfen.

  1. Zusammenstellung des Teilnehmerkreises der AG „Bildung und Wissenschaft“

Von einigen deutschen Teilnehmen wurde die zunehmend einseitige Ausrichtung des Petersburger Dialoges gerügt. Es könne nicht angehen, dass insgesamt nur drei Plätze für Nichtmitglieder zur Verfügung stehen und damit alle Wissenschaftsorganisatoren (zumal im Jahr der Hochschulzusammenarbeit!) von der Teilnahme genauso ausgeschlossen seien, wie viele deutsche Hochschulen, die intensiv im deutsch-russischen Verhältnis engagiert seien. Gleiches gelte für wissenschaftsaffine Organisationen wie z. B. die Kant-Gesellschaft. Es könne nicht sein, dass Mitglieder so priorisiert werden, dass damit wesentliche Teile der Zivilgesellschaft de facto ausgeschlossen oder nur gegen hohe Teilnehmergebühren Zugang fänden.

Es wurde zugesichert, diese Frage in den Gremien des PD bei nächster Gelegenheit zu thematisieren und auf eine Veränderung der Zusammensetzung zu drängen.

 

gez. M. Nagel (Protokollführer) / gez. N. Toiwonen (Protokollführer)

gez. W. Bergmann / gez. Igor Maximzew