Theologenreise, Moskau, Jekaterinburg, St. Petersburg, 14. – 22. September 2018

Zwischen Verfolgung und Verklärung

Die Orthodoxe Kirche in Russland vor der Herausforderung
einer „Heilung der Erinnerungen“

Reisebericht

Freitag, 14. September 2018

Moskau: Empfang im Kirchlichen Außenamt

Die 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Studienreise (8 Männer, 6 Frauen) trafen sich erstmalig im Danilow-Kloster, dem Sitz des Moskauer Patriarchats. Zum Auftakt wurde die Gruppe unter der Leitung von Dr. Johannes Oeldemann, dem Koordinator der AG Kirchen auf deutscher Seite, von Archimandrit Filaret, dem Koordinator der AG Kirchen auf russischer Seite, im Sitzungssaal des Kirchlichen Außenamts begrüßt. Hier war Zeit für eine ausführliche Vorstellungsrunde und Fragen an Archimandrit Filaret. Die Frage, wie er den Stand der Dialoge mit der römisch-katholischen sowie der evangelischen Kirche in Deutschland einschätze, beantwortete er differenziert: Gespräche werden mit beiden Kirchen geführt und seien gewinnbringend. Gleichzeitig sehe er auch Schwierigkeiten im Gespräch, was er im Blick auf die evangelische Kirche am Beispiel der Ordination von Frauen und der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare festmachte. Thematisch sind seines Erachtens in Dialogen mit beiden Kirchen vorrangig Themen der Sittlichkeit und Moral relevant. Abgeschlossen wurde der Besuch mit einem kurzen Rundgang durch das Danilow-Kloster.

 

Samstag, 15. September 2018

Sergijew Posad: Dreifaltigkeits-Sergius-Lawra und Moskauer Geistliche Akademie

Am zweiten Tag verließen wir Moskau, um das 70 km entfernte Sergijew Possad aufzusuchen und das dortige Dreifaltigkeits-Sergius-Kloster zu besuchen, das als eines von nur wenigen Klöstern Russlands mit dem Ehrentitel „Lawra“ ausgezeichnet ist und als „The Heart of Russia“, also das geistige Zentrum Russlands, gilt. Dort besuchten wir die beeindruckende Klosteranlage und den Gebäudekomplex der Geistlichen Akademie des Moskauer Patriarchats, die zu den angesehensten Bildungseinrichtungen des Moskauer Patriarchats zählt. In den Führungen durch die Bibliothek, das Museum, die Klosteranlage und die verschiedenen Kirchen erhielten wir Einblicke in das alltägliche Leben im Kloster sowie vielfältige Informationen zur theologischen Ausbildung. In einem Vortrag mit dem Titel „Verfolgung der Russischen Orthodoxen Kirche im 20. Jahrhundert: eine Epoche des Martyriums und des Bekenntnisses“ wurde uns der historische Hintergrund der Verfolgungszeit nähergebracht und wichtige Erkenntnisse zu ihrer Aufarbeitung und ihrer Verankerung im kollektiven Gedächtnis der russischen Kirche gegeben.

 

Sonntag, 16. September 2018

Moskau: Christ-Erlöser-Kathedrale und Stadtrundfahrt

Am Sonntag hatten wir Gelegenheit, an einem Gottesdienst in der Christ-Erlöser-Kathedrale teilzunehmen. Ungewohnt war für viele von uns das ständige Kommen und Gehen von Gläubigen und das lange Stehen – Kirchenbänke sucht man hier vergebens. Bei einer anschließenden Führung durch die Kathedrale konnten wir erleben, wie eng die Geschichte der Kathedrale mit politischen Ereignissen in Russland verknüpft ist. Aus Anlass des Sieges Russlands über Napoléon im Vaterländischen Krieg 1812 ließ Zar Alexander I. die Kathedrale errichten – aus Dankbarkeit über den Sieg, aber auch, um die Größe und Macht seines Reiches auszudrücken. Die Sowjets sprengten die Kathedrale; den Marmor nutzte man für den Bau der Moskauer U-Bahnhöfe. Während der Perestrojka forderte die Bevölkerung die Wiedererrichtung der Kathedrale, die mit Hilfe von zahlreichen Spenden finanziert wurde. Im Jahr 2000 erfolgte die Einweihung der heutigen Kathedrale durch Patriarch Alexij II. Am Nachmittag stand eine Stadtrundfahrt an, bei der uns eine beherzte Stadtführerin ein paar Highlights ihrer Stadt zeigte. Passend zum Thema der Reise endete die Stadtrundfahrt am Denkmal für die Opfer des stalinistischen Terrors. Dort wurde deutlich, dass eine Erinnerungskultur an die leidvolle Geschichte durchaus öffentlich präsent ist und nicht allein von kirchlicher Seite gepflegt wird.

Montag, 17. September 2018

Moskau: Tichon-Universität, Gesamtkirchliches Doktorandenkolleg, Sretenskij-Kloster

Der Montagvormittag begann mit dem Besuch der Orthodoxen Geisteswissenschaftlichen Hl. Tichon-Universität in Moskau. Die Universität stellt die erste staatlich anerkannte Universität in orthodoxer Trägerschaft dar, an der man neben Theologie u.a. auch Jura und Journalismus studieren kann. Wir nahmen an der Eröffnung der Konferenz „Religion in der heutigen Welt: östliche und westliche Perspektiven“ teil, die in Kooperation mit der evangelischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität stattfand. Anschließend wurden wir durch das Universitätsgebäude geführt, wobei der Schwerpunkt auf der mit dem Hauptsaal verbundenen Kirche lag, in der das Landeskonzil 1917/18 der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) stattgefunden hat.

Am frühen Nachmittag haben wir das Gesamtkirchliche Hl. Kyrill und Method Doktoranden- und Postdoktoranden-Kolleg, das auch unter dem kürzeren Namen Gesamtkirchliche Aspirantura bekannt ist, besucht. Die Aspirantura existiert seit 2009 und dient innerhalb der ROK als „Sammelpunkt für alle Angelegenheiten, die die Theologie als Wissenschaft betreffen“. Unsere Gesprächspartner erklärten uns, dass die Theologie in Russland auf eine schwierige Geschichte zurückblicke und sie erst im letzten Jahr als Studienfach vom Staat anerkannt wurde. Darüber hinaus gebe es in Russland zu wenige theologische Fach- und Lehrkräfte und die existierenden Fachbücher seien veraltet. Aktuell sei die Theologie aber dabei, ihren Platz an der Universität zu finden.

Am späten Nachmittag schloss sich noch ein Besuch im Moskauer Sretenskij-Kloster an, das aus Dankbarkeit für den Schutz vor den Mongolen, der einer Ikone der Gottesmutter zugeschrieben wurde, gestiftet worden war. Das Gelände beherbergte in kommunistischer Zeit Werkstätten und Garagen, ehe im Jahr 1994 ein Geistliches Seminar neu eröffnet wurde. Das Sretenskij-Kloster gilt daher als ein Symbol für die Verfolgungserfahrungen der russischen Kirche sowie für die neu aufkeimende Hoffnung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Auf dem Gelände des Klosters wurde im vergangenen Jahr eine große Kathedrale zu Ehren der russischen Neomärtyrer des 20. Jahrhunderts eingeweiht. Nach der Führung durch die Kirche und die gut ausgestatteten Lehrräume des Seminars, das rund 200 Studenten hat, standen mehrere Professoren in der Bibliothek als Gesprächspartner bereit, mit denen wir uns ausführlich über das Thema der Neomärtyrer austauschen konnten. Daneben konnten wir die sprichwörtliche russische Gastfreundschaft bei leckeren Speisen und Getränken erfahren.

 

Dienstag, 18. September 2018

Jekaterinburg: Theologisches Seminar und Nowo-Tichwinskij-Frauenkloster

Am Dienstag reisten wir weiter nach Jekaterinburg. Historische Bedeutung hat die Stadt, da dort 1918 die Zarenfamilie (Zar Nikolaus II., Zarin Alexandra Fjodorowna und ihre fünf Kinder) getötet wurde. Im Jahr 2000 wurden die Mitglieder der Zarenfamilie zusammen mit Hunderten weiterer Märtyrer des 20. Jahrhunderts von der ROK heiliggesprochen. Der Aufenthalt in Jekaterinburg stand ganz im Zeichen des Schicksals der Zarenfamilie und der sogenannten Neomärtyrer. Nach der Ankunft am Flughafen besuchten wir zunächst das Theologische Seminar von Jekaterinburg. Dabei erfuhren wir auch von einem Neomärtyrer, der Russland und Deutschland verbindet: Alexander Schmorell, der in Russland geboren und orthodox getauft wurde und 1943 als Mitbegründer der „Weißen Rose“ von den Nationalsozialisten in München hingerichtet wurde. Der zweite Ort, den wir an diesem Tag besuchten, war das Nowo-Tichwinskij-Frauenkloster. Sowohl die Hauptkirche des Klosters als auch die liturgischen Gesänge stehen in byzantinischer Tradition. Das byzantinische Erbe wird von den 130 Nonnen, die in diesem Kloster leben, auch durch Übersetzungen religiöser und theologischer Texte aus den alten Sprachen ins Russische erschlossen. Zudem betätigen sie sich als Ikonenmalerinnen und versuchen, durch eine professionelle Gesangsausbildung die byzantinische Kultur des 14. Jahrhunderts wiederzubeleben.

 

Mittwoch, 19. September 2018

Jekaterinburg: Männerkloster Ganina Jama und Kathedrale „auf dem Blut“

Nach der Übernachtung im Wallfahrtszentrum Ganina Jama haben wir uns auf den Weg gemacht, um das „Kloster der Heiligen Zarenmärtyrer“ zu besuchen – ein Männerkloster, das ca. 15 km von Jekaterinburg entfernt mitten im Wald liegt und im Jahr 2000 an dem Ort, wo die Gebeine der Zarenfamilie verscharrt worden waren, gegründet wurde. Das Kloster besteht aus sieben Holzkirchen, die je einem Mitglied der Zarenfamilie gewidmet sind. Zum 100. Jahrestag der Ermordung der Zarenfamilie gab es im Juli 2018 eine große Prozession von Jekaterinburg nach Ganina Jama, an der sich mehr als 100.000 Gläubige beteiligt haben. Nach dem Besuch des Klosters ging es zurück in die Stadtmitte an den Ort, wo einst das Ipatjew-Haus stand, in dem die Zarenfamilie erschossen wurde. An dieser Stelle hat die russische Kirche in den Jahren 2000-2003 eine Kathedrale errichtet, die den Namen „auf dem Blut“ erhielt. Neben der Kathedrale wurde in den letzten Jahren noch ein Museum eingerichtet, das verschiedene persönliche Gegenstände der Zarenfamilie beherbergt. Nach dessen Besichtigung und dem Mittagessen im Refektorium der Kirche machten wir uns schon wieder auf den Weg zum Flughafen, um nach St. Petersburg zu fliegen.

 

Donnerstag, 20. September 2018

St. Petersburg: Ökumenischer Stadtrundgang und Besuch von Schloss Peterhof

Die erste Hälfte des Tages war durch ökumenische Begegnungen gekennzeichnet. Wir besuchten die katholische Kathedrale der hl. Katharina von Alexandrien, die evangelische Peter-und-Paul-Kirche sowie die orthodoxe Erlöser-Kirche auf dem Blut. Sowohl der Dominikanerpater Jurij, der uns durch die erste (erhaltene) katholische Kirche der Stadt führte, als auch der evangelische Pfarrer Schwarzkopf, der uns nicht nur die lutherische Kirche vor Ort vorstellte, sondern sich auch Zeit für ein ausführliches Gespräch nahm, äußerten sich lobend zu den ökumenischen Beziehungen in St. Petersburg. Die Ökumenismus-Erfahrung im gemeinsamen Martyrium des 20. Jahrhunderts strahlt in Petersburg wohl besonders stark aus, sodass ein freundliches und kooperatives Miteinander in dieser Stadt herrscht.

Am Nachmittag haben wir uns auf den Weg nach Schloss Peterhof gemacht, das ca. 30 km westlich von St. Petersburg liegt. Es gilt zu Recht als „russisches Versailles“. Zar Peter der Große ließ den Prachtbau als Sommerschloss erbauen und konnte es 1723 einweihen, wobei im Laufe der Jahre vieles erweitert wurde (Schloss und Parkanlagen). Nachdem wir die Parkanlagen bestaunt hatten, gab es eine Führung durch den Palast mit seinen äußerst prunkvoll gestalteten Treppen, Tanzsälen, Speisesälen und vielen weiteren Räumen. Eine einschneidende Phase in der Geschichte des Palastes war die Eroberung durch deutsche Soldaten im 2. Weltkrieg. Dabei wurden nicht nur viele Teile des Gebäudes und der Parkanlagen zerstört, sondern auch über 50.000 Minen verlegt. 1944 wurde das Schloss wieder zurückerobert und in den folgenden Jahren aufwändig saniert. Mit seiner ereignisreichen Geschichte steht Schloss Peterhof einerseits für die Westorientierung Zar Peters des Großen, andererseits auch für die verheerenden Folgen des 2. Weltkriegs. 1991 wurde Schloss Peterhof ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen.

 

Freitag, 21. September 2018

St. Petersburg: Alexander-Newskij-Kloster und Petersburger Geistliche Akademie

Der letzte Tag unseres Aufenthalts begann mit einer Führung durch das Swjato-Troitskij-Alexander-Newskij-Kloster, in dessen Gästehaus wir untergebracht waren. Wir wurden von einem Geistlichen über das gesamte Gelände des Klosters mit seinen zahlreichen Kirchen, Friedhöfen und anderen Gebäuden geführt und erfuhren so Einzelheiten zu der Geschichte der Klosteranlage. Die Verfolgung während der Sowjetzeit war während des Rundgangs immer wieder ein Thema. Nach der Besichtigung des Klosters begaben wir uns in die Geistliche Akademie von St. Petersburg. Dort wurden wir von einem Studenten durch die Räumlichkeiten der Akademie geführt und erfuhren viel über die Geschichte dieser theologischen Ausbildungsstätte. Danach empfing uns der Studiendekan und Vizerektor der Akademie, Erzpriester Vladimir Khulap. Ein Vortrag über die St. Petersburger Märtyrer und Bekenner ließ uns ins Gespräch kommen. Dabei ging es zunächst um die Geschichte der Verfolgung der Kirche in St. Petersburg und das ökumenische Gedenken daran. Später stießen Studierende der Akademie dazu und wir tauschten uns bei Kaffee und Tee über Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Theologiestudiums in Deutschland und Russland aus. Zum Abschluss unserer Reise besuchten wir noch ein Violinkonzert in der Petersburger Philharmonie.

 

Samstag, 22. September 2018

Am frühen Samstagmorgen standen der Transfer zum Flughafen und der Rückflug nach Deutschland an. Bereichert von vielen Eindrücken, Gesprächen und Begegnungen kehrten die Teilnehmer heim. Ein Nachtreffen der Gruppe ist im Frühjahr 2019 in Paderborn geplant.