Sitzung der AG Kultur beim 15. Petersburger Dialog, St. Petersburg, 14.-15. Juli 2016

Die Zerstörung von archäologischen Stätten im Nahen Osten und Fragen ihrer Restaurierung, Ausstellungsprojekte unter Beteiligung deutscher und russischer Museen sowie weitere Perspektiven der Zusammenarbeit waren die Themen, mit denen sich die AG Kultur bei ihrer Sitzung im Rahmen des 15. Petersburger Dialogs am 14./15. Juli 2016 in St. Petersburg befasste.

Sitzungsprotokoll Sankt Petersburg, den 15. Juli 2016

Koordinatoren der Arbeitsgruppe Kultur:

Prof. Michail Piotrowski, Direktor der Staatlichen Eremitage Sankt Petersburg;
Prof. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Einleitungsstatement von M. B. Piotrowski:

Die Arbeitsgruppe Kultur erarbeitet traditionell Konzepte für die Lösung schwieriger Probleme, zu denen auch politische Fragen gehören. So haben die Museen beider Länder in Bezug auf die Erforschung und Ausstellung von kriegsbedingt verlagerten Kulturgütern einen erfolgreichen und sensiblen Ansatz gefunden, der häufig über der Politik steht. Gegenwärtig ist eine Verschärfung der politischen Beziehungen zwischen den Ländern zu beobachten, aber die Kultur darf nicht unter politischen Meinungsverschiedenheiten leiden, Kulturgüter müssen in einem jeden Konflikt unantastbar bleiben. Die Kultur hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten, die geschützt werden müssen. Die in 2015 von der Arbeitsgruppe Kultur in Potsdam verabschiedete Erklärung zur Zerstörung von Kulturgütern in Syrien hat in der Öffentlichkeit eine breite Resonanz hervorgerufen. Das Interview von Piotrowski und Parzinger in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hat ebenfalls große öffentliche Beachtung gefunden.

Impulsreferat von H. Parzinger:

Die Zerstörung von archäologischen Stätten im Nahen Osten und ihre Wiederherstellung am Beispiel von Palmyra und Aleppo

In diesen schwierigen Zeiten setzt die Arbeitsgruppe Kultur mehr gemeinsame russisch-deutsche Projekte im Bereich der kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter um als jemals zuvor. Hauptgegenstand dieser Sitzung ist Syrien. Archäologen aus verschiedenen Ländern, darunter auch russische und deutsche Experten, reisen nach Palmyra, forschen unter den Bedingungen einer instabilen militärischen Lage und fehlender Infrastruktur, erfassen die Schäden und informieren die UNESCO über den Zustand der Stätten. Ein wichtiger Aspekt dieser Arbeit ist die zwingende und durchgehende Beteiligung von syrischen Fachleuten – bei der Untersuchung und Erfassung der Zerstörungen und bei dem späteren Wiederaufbau. Es ist wichtig, die Öffentlichkeit über die syrische Problematik zu informieren. So hat erst vor kurzem in Berlin eine UNESCO-Konferenz zur Erhaltung von Kulturstätten in Syrien stattgefunden. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt, Museen, Gebäude, Exponate und Kulturgüter durch kriegerische Zerstörungen zu verlieren. In Syrien und dem Nahen Osten engagiert sie sich in Projekten wie dem Syrian Heritage Archive Project, dem Damage Assessment, der Capacity Building, der 3D-Rekonstruktion, bei der Bekämpfung des illegalen Handels mit Kulturgütern oder der Integrationsarbeit von syrischen Flüchtlingen durch Museumsaktivitäten.

 

Erstes Panel der Sitzung:

Die Zerstörung von archäologischen Stätten im Nahen Osten und Fragen ihrer Restaurierung.

Vorträge zum aktuellen Zustand und dem möglichen Wiederaufbau von archäologischen Stätten in Syrien von A. W. Sedow, Direktor des Staatlichen Museums für Orientalische Kunst Moskau; Prof. M. Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums Berlin; Prof. S. Weber, Direktor des Museums für Islamische Kunst Berlin.

  1. W. Sedow berichtete über eine Reise russischer Fachleute nach Palmyra im Juli 2016 und über den gegenwärtigen Zustand bedeutender Stätten, zu denen der Baaltempel, der Baalschamin-Tempel, die Nekropole und andere gehören. Die Experten konnten den Zustand und das Ausmaß der Zerstörung der Stätten untersuchen und den Beitrag der russischen Seite zu den archäologischen Arbeiten abschätzen. Sie haben festgestellt, dass bisher keine illegalen Grabungen stattfanden. Der Ergebnisbericht dieser Reise wird der UNESCO vorgelegt.

Prof. M. Hilgert behandelte in seinem Vortrag den Schutz des syrischen und irakischen Kulturerbes und berichtete über die Erfahrungen des Vorderasiatischen Museums Berlin in den Bereichen Forschung und Restaurierung sowie Fachausbildung und Wissenschaftsaustausch (Caoacity Building, Iraq-German Expert Dialogue). M. Hilgert unterstrich, dass die Arbeit nicht nur durch museumsinterne Aspekte, sondern auch durch Infrastruktur, neue Technologien sowie öffentliches und politisches Interesse beeinflusst wird.

Es ist erforderlich, die Einhaltung des Verbots, Kulturgüterhandel mit terroristischen Gruppierungen zu betreiben, sowie des Verbots von illegalen Grabungen und des Schwarzmarkthandels mit Kulturgütern so intensiv und effektiv wie möglich zu kontrollieren. Das Vorderasiatische Museum führt hierzu mit zahlreichen Partnern das Projekt ILLICID durch. M. Piotrowski merkte an, dass es hierbei wichtig ist, sich auf die Befassung mit dem Problem als solchem und nicht auf polizeiliche Verbote zu konzentrieren, die nicht zu den gewünschten Ergebnissen führen werden. Prof. M. Hilgert stellte das Projekt ZEDIKUM vor, in dessen Rahmen archäologische Objekte digital in 3D-technologie erfasst werden.

Prof. S. Weber sprach den Beginn der Wiederaufbauarbeiten an: Sollte damit bis zur endgültigen Zerschlagung der terroristischen Organisation gewartet werden oder ist es erforderlich, den Wiederaufbau der Stätten bereits jetzt zu beginnen? Er berichtet über die Erfahrungen des Museums für Islamische Kunst Berlin in den Bereichen der Durchführung von internationalen Ausbildungsveranstaltungen, von Restaurierungs- und Ausstellungsprojekten, über die Arbeiten vor Ort in Aleppo, Rashka und Damaskus sowie über die Arbeit syrischer Experten, die nach Deutschland eingeladen wurden. Zu den wichtigen Aspekten der Aktivitäten gehören: 1) Die Erfassung der Zerstörungen, unter anderem auf eigens dafür eingerichteten Internetseiten. Mit Beginn des militärischen Konflikts in Syrien wurde das Projekt „Syrian Heritage Archive Project“ zur Erfassung und Systematisierung von Daten über islamische Stätten gestartet. Bisher liegen 150.000 Digitalisare vor. Ein System der Transliteration arabischer Bezeichnungen in europäische Sprachen wurde erstellt. Es werden Datenbanken erstellt, unter anderem unter Einbindung privaten Archiven erstellt werden. Das Museum für Islamische Kunst Berlin arbeitet in diesem Projekt mit dem Deutschen Archäologischen Institut Berlin an der Digitalisierung von Dia-Aufnahmen. Ein weiteres Projekt soll in Zukunft der Schadenserfassung in Aleppo in einem „digitalen Raumbuch“ dienen und der Wiederabufbau von Aleppo mit experetn und den lokalen Verwaltungen diskutiert werden. 2) Die Suche nach Quellen für die Finanzierung der entsprechenden Projekte, unter anderem auch durch syrische Mäzene.

Darüber hinaus informierte Prof. S. Weber die Kollegen über das deutsche Projekt „Multaka“ („Treffpunkt Museum“), in dessen Rahmen die Berliner Museen mit syrischen Flüchtlingen arbeiten und sie als Guides für islamisches und christliches Kulturerbe in den Berliner Museen einsetzen. Somit werden die deutschen Museen für die Flüchtlinge einerseits zu einer Integrationsstätte und andererseits zu einer Stätte der Bewahrung ihrer eigenen Identität.

Im Ergebnis der Vorträge und ihrer Diskussion im ersten Sitzungspanel waren sich die deutschen und russischen Teilnehmer der Arbeitsgruppe Kultur einig, dass es erforderlich ist, gemeinsam für den Erhalt von archäologischen Stätten im Nahen Osten aktiv zu werden u.a. mit Maßnahmen wie:

  • Durchführung von Seminaren zu archäologischen Fragestellungen mit Beteiligung von syrischen, deutschen und russischen Fachleuten sowie von Fachleuten aus anderen Ländern;
  • Aufbau eines digitalen Archivs für Dokumente und bildliche Darstellungen von syrischen Kulturgütern und Stätten unter Beteiligung der deutschen Initiative „Syrian Heritage Archive Project“;
  • Analyse und Erfassung des den Kulturgütern und -stätten zugefügten Schadens, insbesondere in Aleppo und Palmyra;
  • Untersuchung des illegalen Kulturgütermarkts in Russland unter Beteiligung des deutschen Forschungsprojekts ILLICID;
  • Beteiligung von Universitätsforschern an der Untersuchung des illegalen Kulturgütermarkts;
  • Vorbereitung des zukünftigen Wiederaufbaus von Aleppo in Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden;
  • Erstellung von archäologischen 3D-Karten von Palmyra.

Das zweite Panel der Sitzung der Arbeitsgruppe Kultur befasste sich mit Ausstellungsprojekten unter Beteiligung russischer und deutscher Museen. Traditionell wurden gemeinsame Ausstellungen besprochen, die für die nächsten Jahre geplant sind:

  • „Eisenzeit – Europa ohne Grenzen“: in Fortsetzung des Formats „Merowingerzeit“ und „Bronzezeit“ Forschungs- und Ausstellungsprojekt zu kriegsbedingt verlagerten Exponaten der Eisenzeit aus den Beständen des Museums für Vor- und Frühgeschichte Berlin, die sich gegenwärtig in der Staatlichen Eremitage Sankt Petersburg, dem Staatlichen Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin Moskau und im Staatlichen Historischen Museum Moskau befinden. Das Projekt umfasst in etwa die Zeitspanne vom Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. und den geografischen Raum vom Atlantischen Ozean bis zum Ural und den Kaukasus. Als möglicher Zeitraum für die Durchführung der Ausstellung wurden die Jahre 2019 – 2020 bestimmt. Fragen der praktischen Umsetzung des Projekts, des zeitlichen Rahmens der Ausstellung und der Auswahl der Exponate wurden von M. Nawroth, J. J. Piotrowski, D. W. Shurawljow und W. P. Tolstikow behandelt. Die nächsten Treffen der Facharbeitsgruppen sind bereits für Herbst 2016 geplant.
  • „Antike Vasenmalerei“: ein gemeinsames Projekt zur Erforschung und nachfolgenden Ausstellung von antiken Vasen, die kriegsbedingt aus der Antikensammlung Berlin nach Russland verlagert wurden und sich gegenwärtig im Staatlichen Historischen Museum Moskau befinden. An diesem Projekt sollen sich auch die Staatliche Eremitage Sankt Petersburg und das Staatliche Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin Moskau beteiligen. D. Shurawljow berichtete über die Sammlung bemalter antiker Keramiken in den Beständen des Staatlichen Historischen Museums Moskau und die bereits in der Vergangenheit erfolgten Restaurierungsarbeiten. Er erwähnte das sogenannte „Fragmentierungsphänomen“ der verlagerten Stücke – bestimmte Fragmente befinden sich in Moskau, während andere in Berlin sind. Das Forschungsprojekt hat die Untersuchung, Restaurierung, wissenschaftliche Bearbeitung der Vasen sowie die strukturelle Vorbereitung der Ausstellung zum Inhalt, um eine hohe Publikumswirksamkeit zu gewährleisten. In diesem Zusammenhang schlug H. Parzinger vor, die Keramiken durch Skulpturen und andere, thematisch nahestehende Exponate zu ergänzen. W. Tolstikow berichtete in diesem Zusammenhang über die im Puschkin Museum Moskau erfolgte Restaurierung von Scherben aus dem Berliner Bunker „Flakturm“, der 1945 gesprengt wurde und ausgebrannt ist. Diese Gegenstände galten lange als verschollen. Während der letzten zehn Jahre haben die Restauratoren des Puschkin Museums die Keramikscherben wiederhergestellt und rund 800 Gefäße restauriert (hauptsächlich aus der Zypern-Sammlung). Die Restauratoren des Puschkin Museums Moskau haben dabei eine besondere Methode für die Restaurierung von Keramik entwickelt, die durch Feuer beschädigt wurde.
  • „Donatello und die Bildhauerkunst der Renaissance“: ein gemeinsames Projekt des Staatlichen Museums für Bildende Künste A. S. Puschkin Moskau und der Skulpturensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin zur Erforschung von kriegsbedingt verlagerten Kulturgütern und der Vorbereitung einer einschlägigen Ausstellung. Das Ziel dieses Projekts besteht in der Restaurierung, Katalogisierung, wissenschaftlichen Erschließung und Ausstellung von Exponaten, die 1945 außer Landes verbracht wurden und sich bis heute im Staatlichen Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin Moskau befinden. М. Nawroth berichtete zu Fragen der Restaurierung – wo und durch welche Fachleute die Restaurierung der Donatello-Skulpturen erfolgen wird und wie die Arbeit der deutschen Restauratoren in Moskau zu organisieren ist. Er sprach gleichfalls über den Einsatz von 3D-Technologien und die technische Ausstattung der Restaurierungswerkstätten in Moskau. W. Tolstikow unterstrich, dass zuerst eine Zuschreibung der ausgewählten Skulpturen erforderlich ist und geklärt werden muss, ob es sich tatsächlich um Werke von Donatello handelt, da einige von ihnen Kopien nach Donatello sein können (Anm. gemeint aber wohl werke der Renaissance). H. Parzinger lenkte die Aufmerksamkeit der Kollegen auf die Pressearbeit als Bestandteil des Projekts. Es ist erforderlich, rechtzeitig Presseerklärungen und Pressekonferenzen vorzubereiten, um unvollständige und fehlerhafte Informationen zu verhindern.
  • Eberswalde: M. Nawroth und W. Tolstikow berichteten zum Stand des durch die DFG geförderten Projekts zu Fragen der Archäologie, Herstellungstechnik und Materialanalyse des Goldhorts von Eberwalde, der sich seit 1945 kriegsbedingt verlagert im Staatlichen Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin Moskau befindet. Eine deutsch-russischsprachige Monografie mit den wissenschaftlichen Ergebnissen soll 2018 erscheinen.

Zum Abschluss wurden die Perspektiven der weiteren Zusammenarbeit mit folgenden Schwerpunkten formuliert:

  • Militärdiplomatie. Russland und Preußen. Die Erforschung der künstlerischen Ausgestaltung der Militärdiplomatie der beiden Länder. Projektbeauftragter auf russischer Seite: G. Wilinbachow.
  • Gemeinsame Erforschung der antiken Bronzeskulptur „Victoria auf der Kugel“, die 1946 an die Staatliche Eremitage Sankt Petersburg übergeben wurde und lange Zeit nach dem Krieg als verschollen galt.
  • Die Suche nach und Erstellung eines Verzeichnisses von Büchern aus dem Besitz des Deutschen Archäologischen Instituts Berlin (DAI), die 1945 und 1946 als Kriegsbeute an die Wissenschaftliche Bibliothek der Staatlichen Eremitage Sankt Petersburg übergeben wurden. Gemeinsame Katalogisierung und Digitalisierung. Dieses Projekt wurde durch die Leitung des Deutschen Archäologischen Instituts Berlin initiiert. Es ist geplant, die Bücher zu digitalisieren und sie auf den Websites der Staatlichen Eremitage Sankt Petersburg und des DAI zugänglich zu machen, um sie der Fachwelt zugänglich zu machen.

Die Koordinatoren der Arbeitsgruppe Kultur:

Prof. Michail Piotrowski Prof. Dr. Hermann Parzinger

Sankt Petersburg, den 15. Juli 2016