Sitzung der AG Kirchen in Europa beim 17. Petersburger Dialog, Moskau, 8. Oktober 2018

Bei ihrer Sitzung im Rahmen der diesjährigen Plenarveranstaltung, die von Dr. Johannes Oeldemann und Erzpriester Sergij Swonarjow moderiert wurde, befasste sich die Arbeitsgruppe mit dem Thema „Der kirchliche Dienst in Hospizen als Beitrag zur Sozialfürsorge“.

Ausgehend vom letzten Treffen der Arbeitsgruppe im Juni 2018 in Lutherstadt Wittenberg, bei dem die Grundprinzipien der christlichen Sozialethik aus unterschiedlichen konfessionellen Standpunkten betrachtet worden waren, wurde der Fokus bei der Sitzung in Moskau auf die Hospizarbeit gelegt. Das Thema war bereits in Wittenberg von Erzpriester Igor Blinow aufgegriffen worden, der von der Arbeit im Kinder-Palliativzentrum des Martha-Maria-Stifts zu Moskau berichtet hatte und auch als Experte an der jetzigen Sitzung teilnahm.

Der erste Referent bei dieser Tagung war Priester Alexij Konstantinow, Vorsteher der Kirchengemeinde zu Ehren der hl. Apostelfürsten Petrus und Paulus in Salym (aus der Eparchie im Autonomen Kreis der Chanten und Mansen in Sibirien). Er berichtete, dass mit seiner Unterstützung acht „Barmherzige Schwestern“ im Salymer Krankenhaus eine Palliativstation gegründet haben, die mittlerweile auch ambulant tätig ist. Die in diesem preisgekrönten Projekt gesammelten Erfahrungen sollen auf die ganze Metropolie ausgeweitet werden. Die Palliativstation wird durch das Engagement einzelner Gläubiger aufrechterhalten. Die Station wird vornehmlich aus privaten Mitteln finanziert.

In der anschließenden Diskussionsrunde wurde die Rolle des Staates in Bezug auf unterstützende Maßnahmen beim Aufbau der Palliativ- und Hospizarbeit erörtert. Anders als in Deutschland gibt es in Russland keine überregionalen staatskirchlichen Abkommen. Absprachen mit den Behörden finden auf regionaler Ebene statt und sind damit den persönlichen Glaubenseinstellungen einzelner Staatsdiener ausgesetzt. Im Falle des Krankenhauses von Salym wurde zumindest die technische Ausrüstung aus Deutschland mit staatlichen Hilfen aus Russland finanziert. Neben den Finanzen bildet auch die fachgerechte Ausbildung eine weitere Herausforderung beim Aufbau der zukünftigen Hospizarbeit in Russland. Sie bildete einen weiteren Schwerpunkt der Diskussion.

Im zweiten Referat legte Hermann Depenbrock, Referent für Hospizkultur aus der Diözese Münster, unter der Überschrift „Hospizbewegung in Deutschland: Christliche Sorgekultur im Dialog mit der Gesellschaft“ die Entwicklung und Situation der Hospizarbeit in Deutschland dar. Er definierte die Hospizarbeit in erster Linie als innere Haltung von Menschen, unabhängig von konkreten Orten bzw. Einrichtungen, an denen die Begleitung sterbender Menschen erfolgt. Von dieser Haltung sollte auch die Hospizarbeit der Kirchen geprägt sein. Die Hospizbewegung appelliert an die Kirchen, selbst mitzugehen, d.h. Menschen ein Wegbegleiter zu sein und mit ihnen zu gehen.

Das Referat warf die Frage von orthodoxer Seite auf, ob die Kirche den Menschen im Sterben begleitend zur Seite steht oder ob der gläubige Mensch nicht eher will, dass der Priester ihm voranschreitet. Erzpriester Sergij Swonarjow verglich das Sterben mit einer Geburt; in beiden Fällen erwartet den Menschen eine ungewisse Zukunft. Bei diesem Gang ins Ungewisse sollte der Priester den Sterbenden die Angst nehmen. Die orthodoxe Kirche sieht ihre Aufgabe in der Hospizarbeit darin, den sterbenden Menschen den Sinn ihres Leidens zu erklären und dem Leiden einen Sinn zuzuschreiben.

Im dritten Referat berichtete die Ärztin Xenia Kowalenok über ihre Arbeit am Martha-und-Maria-Stift zu Moskau. Das Stift wurde von der Großfürstin Elisaveta Fjodorowna Anfang des 20. Jh. ins Leben gerufen. Die deutschstämmige Prinzessin aus der russischen Zarenfamilie gründete das Martha-Maria-Kloster und stand ihm bis 1918 als Äbtissin vor. Heute wird sie in der orthodoxen Kirche als Märtyrerin verehrt. Nach der Schließung durch die Bolschewiken wurde das Stift 1992 der Kirche wieder zurückgegeben und renoviert. Es umfasst heutzutage ein medizinisches Zentrum, ein Rehabilitationszentrum für Kinder, einen Kindergarten für Kinder mit Förderbedarf, ein Kinderheim mit schwererkrankten Kindern, eine ambulante Palliativstation für Kinder und ein „Respiz“. Die Respizarbeit versucht die Eltern zu entlasten und bietet psychologische und soziale Unterstützung an; das Pflegepersonal gibt zudem sein Wissen an die Familien weiter, so dass sie zu Hause die Reha-Übungen fortsetzen können. Das Respiz des Martha-Maria-Stifts betreut 50 Familien pro Jahr. Auch dieses Hospiz wird nur bedingt staatlich finanziert und ist auf eine Selbstorganisation der Geldmittel angewiesen. Gleichzeitig verschafft die Selbstständigkeit gegenüber dem staatlichen Gesundheitssystem gestalterische Freiräume, die für den Aufbau einer modernen Hospizarbeit erforderlich sind.

Die Abschlussrunde konzentrierte sich auf die Frage nach einer fachgerechten Ausbildung für die Hospizarbeit: Von orthodoxer Seite wurde das Bedürfnis geäußert, Unterstützung bei der Ausbildung der Mitarbeitenden im Hospiz zu erhalten. Eventuell böte die von Depenbrock erwähnte Hospizakademie in Münster dafür einen Anknüpfungspunkt. Langfristig müsste eine diakonisch-ökumenische Ausbildung in Russland aufgebaut werden, nicht zuletzt um hier die gesellschaftlichen Kräfte zu stärken und die Öffentlichkeit für das Thema „Hospizarbeit“ zu sensibilisieren. Nur gemeinsam können Impulse an die staatlichen und zivilgesellschaftlichen Kräfte weitergegeben werden.

Pfarrerin Ulrike Bischoff