Sitzung der AG Kirchen in Europa beim 14. Petersburger Dialog, Potsdam, 23. Oktober 2015

Die Arbeitsgruppe „Kirchen in Europa“ hatte sich bei ihrer Sitzung im Rahmen des Potsdamer Treffens unter dem Leitgedanken „Die Kirchen und die gegenwärtigen Herausforderungen in Europa“ vorgenommen, die Themen für die Arbeit der nächsten Jahre zu erörtern und festzulegen.

Eine wichtige Rolle spielten die beiden Impulsreferate von Prof. Dr. Josef Freitag (Katholisch-Theologische Fakultät Erfurt) und Erzpriester Antoni Iljin (Vorstand Stiftung „Russkij Mir“, früher in der Vertretung der Russischen Orthodoxen Kirche in Brüssel tätig). Iljin plädierte dafür, dass die Kirchen die Qualität der Religion in der Gesellschaft deutlicher machen sollten, wobei es nicht reiche, sich auf traditionelle Werte zu beziehen oder als Institut der Sozialversorgung zu agieren, sondern sie müssten zeigen, was heute Glauben und Vertrauen heißt. Dabei sprach er sich für gute und angemessene religiöse Angebote für die als Flüchtlinge kommenden Christen und Muslime aus. „Russkij Mir“ dürfe nicht verengt konfessionalistisch oder nationalistisch verstanden werden. Prof. Freitag betonte, dass das Bild für das gemeinsame europäische Haus das Tor und nicht die Mauer zu sein habe. Nach innen habe man sich klar zu machen, dass Europa mit zwei „Lungenflügeln“ atme, geprägt von Rom auf der einen und Byzanz auf der anderen Seite. Russland sei daher ganz klar ein Teil Europas. Im Blick auf die Wertediskussion hielt er fest, dass Jesus nicht Werte, sondern das Reich Gottes verkündet habe. Dementsprechend sollten Christen nicht allein Werte, sondern in ihrem Reden und Tun den Sieg des Lebens über den Tod verkündigen. Das sei auch der christliche Zugang zum Thema Krieg und Frieden.

Die Arbeitsgruppe hielt in ihrer Zusammenfassung fest, dass die Kirchen mindestens seit dem Zweiten Weltkrieg eine wichtige friedensstiftende Rolle im Dialog zwischen Russland und Deutschland gespielt haben. Dies galt durch die ganze Zeit des Kalten Krieges.
Dieses Friedensengagement kam auch in der trilateralen Erklärung der Arbeitsgruppe Kirchen nach der Absage der Hauptveranstaltung des Petersburger Dialoges im Oktober 2014 zum Ausdruck. Die Arbeitsgruppe Kirchen machte in Potsdam noch einmal deutlich, dass sie die Absage des Dialoges für einen Fehler hielt. Der russische Koordinator Archimandrit Filaret betonte die Freiheit der Kirchen von der politischen Konjunktur.

Im Blick auf die gegenwärtigen Herausforderungen in Europa soll es in der Arbeitsgruppe Kirchen in der Zukunft um folgende Aufgaben gehen:
• Den Missbrauch und die Instrumentalisierung von Glaube, Religion und Kirche u.a. aus politischen, nationalen, kulturellen, militärischen oder ideologischen Interessen zu benennen und dagegen vorzugehen.
• Im heutigen „post-säkularen“ Kontext ist der christliche Glaube als Hilfe zum Leben und Sterben, als Aufklärung über die Stärken und Schwächen des Menschen und unverzichtbare Kraft für die Gesellschaft einzubringen, wobei die Fragen der Menschen und nicht die Interessen von Gruppen und Institutionen im Vordergrund zu stehen haben.
• Das Schicksal der Flüchtlinge (Prof. Freitag: Flucht und Wanderung haben Kirche und Judentum geprägt; Fremdsein gehört zum Charakter des christlichen Glaubens), aber besonders auch die Situation in den Herkunftsländern (u.a. die vergessenen verfolgten und getöteten Christen) soll thematisiert werden.
• Dieser gebotene Blick auf die Leidenden wird betont durch eine Ausstellung der Russischen Orthodoxen Kirche über die Märtyrer unter Stalin, die im Jahr 2016 in einer deutschen Fassung in Deutschland gezeigt werden soll.
• Die Beratungen der Arbeitsgruppe Kirchen zu Fragen der Bewahrung der Schöpfung sollen fortgesetzt werden.
• Darüber hinaus wurden Treffen von Mitarbeitenden in der Flüchtlingshilfe und in der Sonderseelsorge angeregt.

Eine große Bereicherung war die Teilnahme von Dr. Harald Kindermann, ehemaliger deutscher Botschafter u.a. in Saudi- Arabien und Israel und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Kindermann wies darauf hin, dass lange Jahre eine säkular-liberal geprägte Außenpolitik die Bedeutung der Religion für das Handeln von Völkern und Politikern fast ganz übersehen hatte. Erst jetzt würde man mit Gewalt auf dieses Thema gestoßen und es zeige sich, wie wichtig es sei, dass die Kirchen und Religionen in die Überlegungen zum Miteinander von Staaten und Völkern einbezogen werden.

von Propst Siegfried Kasparick